Die soziale Lage der Arbeiter während der Industrialisierung in Harburg (Auszüge aus einer Hausarbeit an der Universität Hamburg 2000)

  1. Einleitung

„Harburg. Die New-York-Hamburger Gummi-Waren-Companie in der Nartenstraße in Harburg beherrscht mit der Produktion von mehreren Millionen Kämmen die Märkte der Welt.“[1] Dieser Artikel erschien am 7. Juli in der Zeitung und zeigt, dass die Gummiwarenindustrie in Harburg immer noch eine bedeutende Stellung einnimmt. Entstanden ist die New-York-Hamburger Gummi-Waren-Companie zur Zeit der Industrialisierung.

Der Industrialisierungsprozess setzte in Deutschland im 19. Jahrhundert ein und lässt sich in drei Phasen aufteilen. Die erste Phase ist die Frühindustrialisierung von ungefähr 1815 bis 1840. Der richtige Durchbruch trat in der zweiten Phase von ca. 1845/50 bis 1873 ein und die letzte Phase der Hochindustrialisierung wird auf 1874 bis zum Ersten Weltkrieg datiert.

In dieser Arbeit geht es um die Industrialisierung in Harburg, das zum Königreich Hannover gehörte. In Harburg setzte die Industrialisierung um 1854 ein. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen die sozialen Verhältnisse in Harburg. Untersuchungen, die sich mit der sozialen Lage der Bevölkerung beschäftigen, gibt es vor allem bei Bödecker[2] und Ellermeyer.[3] Sowohl Bödecker, als auch Ellermeyer, sind Gesamtdarstellungen über Harburg, sie beschäftigen sich nur zum Teil mit der sozialen Lage. Allgemein lässt sich feststellen, dass es viele Bücher über die Industrialisierung gibt, aber nur wenige über spezielle Stadtteile, wie Harburg. Ich beschäftige mich mit den Lebens-, Wohn- und Arbeitsverhältnissen der Arbeiter in Harburg und möchte die Frage klären, wie die Lage der Arbeiter in Harburg, zur Zeit der Industrialisierung, war. Ich beschränke mich dabei auf den Zeitraum von 1854, dem Wendepunkt in der Entwicklung Harburgs, bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts. Nach der Einleitung, gebe ich im zweiten Teil einen Überblick über den Weg Harburgs in die Industrialisierung. Der dritte Teil beschäftigt sich mit den drei Hauptindustriezweigen, die in Harburg ansässig waren. An diesen Firmen werde ich im vierten Teil die soziale Lage der Arbeiter erklären. Der vierte Teil geht außerdem auf die Wohn-, und Lebensverhältnisse in Harburg ein. Im fünften Teil komme ich zu einer abschließenden Beurteilung, der Lage der Arbeiter in Harburg.

  1. Der Weg Harburgs in die Industrialisierung

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts beruhte die Harburger Wirtschaft im Wesentlichen auf den Speditionshandel, der sich im Warenaustausch zwischen den nord- und südelbischen Gebieten äußerte. Der Eigenhandel erreichte in Harburg noch keinen bedeutenden Umfang. Nach dem Anschluss Harburgs an die Bahnstrecke von Hannover 1847, über Celle nach Harburg, erreichte die Schifffahrt, über die Elbe nach Hamburg, einen großen Aufschwung. Hamburg hatte zu diesem Zeitpunkt noch keinen Anschluss an das südelbische Eisenbahnnetz. Auch der Hafen in Harburg erlebte einen großen Aufschwung. Es kam zur Ausdehnung des Dockhafens 1845 bis 1849 und zur Erklärung des Harburger Hafens als Freihafen, im Jahr 1848. Ein weiterer Vorteil von Harburg gegenüber Hamburg, lag in der Befreiung vom Stader Zoll 1850, der bei Brunshausen von allen, die Elbe aufkommenden Seeschiffen, erhoben wurde. Für solche Güter, die von See aus direkt nach Harburg liefen, fiel dieser Zoll weg. In dieser Zeit entwickelte sich Harburg als Seehafen Hannovers.[4]

2.Die Industrialisierung Harburgs

Der Wendepunkt in der wirtschaftlichen Entwicklung Harburgs trat am 1.1.1854, mit dem Zollanschluss des Königreichs Hannovers an den Deutschen Zollverein, ein. Damit trat Hannover in den wirtschaftlichen Wettbewerb mit anderen Städten des Zollvereins.

Harburg wurde damit ebenfalls an ein weites Absatzgebiet für Waren angeschlossen und lag im Vorteil gegenüber Hamburg, denn die Hansestadt blieb bis zum 15.10.1888 Zollausland. Hamburg lag damit in einer ungünstigen Position zum deutschen Inlandsmarkt.[5] Um diesen Nachteil auszugleichen, errichteten Hamburger Firmen Zweigfirmen in Harburg, zur Deckung des Bedarfs des deutschen Inlandsmarktes. Die Lage Harburgs war für industrielle Unternehmen äußerst günstig. Gelände war billig zu erhalten. In Hamburg dagegen waren Bauplätze knapp und teuer. Von Harburg aus konnten Rohstoffe, über den Seeweg, nach Hamburg transportiert werden. Fertigwaren konnten über den Seeweg, den Flussweg und den Schienenweg, innerhalb des Deutschen Bundes, befördert werden. 1867 legten eine bedeutende Zahl von Hamburgern, Industriebetriebe in Harburg an. ¾ aller industriellen Einrichtungen Harburgs wurden von Hamburgern gegründet.[6] Ein weiterer großer Vorteil Harburgs gegenüber Hamburg, lag in der Kraftstoffversorgung. Harburg befand sich auf der Grenze des englischen und westfälischen Kohlenabsatzgebietes in einer Zone, in der beide Gebiete stark rivalisierten. Damit war die Billigkeit und die Stetigkeit des Kraftstoffs für Harburger Industrien garantiert.

III. Hauptindustrien in Harburg – Drei Beispiele

  1. Die Ölmühlenindustrie

Die Ölmühlenindustrie hatte einen traditionellen, handwerklichen Ursprung. Die Anfänge des Harburger Ölmüllereigewerbes liegen im 17. Jahrhundert. Die eigentliche Geburtsstunde der Harburger Pflanzenölindustrie liegt, schon vor der eigentlichen Industrialisierung Harburgs, im Jahre 1833. Damals gestaltete der Mühleninspektor Robert Sixtus Heins die Graupenmühle, am Eißendorfer Bach in eine durch Dampfkraft betriebene Ölmühle, um. Er ergänzte drei vorhandene Keilpressen durch eine hydraulische Presse. Die Dampfmaschine hatte 12 PS und war die Erste in Harburg überhaupt. Es wurden jährlich 6000 Zentner Öl damit erzeugt. Die Ölsaat dafür kam aus den benachbarten Marschgebieten.[7] Mit der Industrialisierung und dem steigenden Bedarf an pflanzlichen Ölen zur Seifenherstellung und als Brennöl, kam es zur Umstellung auf Verarbeitung überseeischer Saaten, durch den Hamburger Importeur G.L. Gayser. Er errichtete 1859 eine Palmölfabrik in Harburg. Mit Unterstützung durch hamburgisches Kapital und die hannoverische Bank, wurde auch in der Ölmühle von Robert Sixtus Heins eine Umstellung der Fabrikation vorgenommen. Durch den fehlenden Anschluss der Firma an flussschifftiefes Wasser, errichtete die Firma Gayser 1863 einen zweiten Betrieb, namens „Heins und Asbeck“, am Kanal mit Bahnanschluss.[8]

  1. Die Hydrocarbürfabrik und Gasanstalt Noblee´ und Co.

Gegründet wurde die Firma „Noblee´ und Co.“ von dem, aus Hamburg kommenden, Franzosen Henri Louis Josephe Noblee´, im Jahre 1855. Das hergestellte Hydrocarbür, ein aus der Kohle-Destillation gewonnenes Leuchtöl, wurde zuerst für Harburgs Straßenlaternen eingesetzt. Später wurden die Straßenlaternen mit Noblee´s Gas betrieben. 1865 wurde neben den bestehenden Anlagen, eine Palmkernölfabrik von Noblee´ gebaut. Als Teilhaber trat 1876 Max Thörl, Sohn des Harburger Senators Fritz Thörl, mit in das zu „Noblee´ und Thörl“ umbenannte Unternehmen, ein. [9]

 

  1. Kautschuk- und Kunststoffindustrie

Die Kautschukindustrie zählt zur ältesten Industrie in Harburg. Sie hat keine handwerklichen Vorgänger. Durch die Erfindung des Vulkanisierungsprozesses, welcher die Voraussetzung für eine breite industrielle Verarbeitung von Kautschuk ist, beginnt die Geschichte

Harburgs als Kautschukplatz. Es gibt zwei wichtige Kautschukfabriken in Harburg.

  1. Die Gummi-Kamm-Companie

Die 1818 von H.C. Meyer gegründete Fabrik „Stock Meyer“ in Hamburg, verlegte 1854 einen Teil ihrer Produktion, wegen der günstigen Zollverhältnisse, nach Harburg. Die Söhne von H.C. Meyer, Adolf Meyer und H.C. Meyer junior, sowie der Schwiegersohn C.J.F. Traun, gründeten aus der Fabrik in Harburg 1856 die Harburger „Gummi-Kamm-Companie“, als erste deutsche Hartkautschukfabrik überhaupt. Im Jahre 1878 kam es zur Trennung der Firmen H. C. Meyer und der Harburger Gummi-Kamm-Companie. Daraufhin verlegte die Fabrik „Stock-Meyer“ ihren gesamten Betrieb nach Harburg, während Heinrich Traun, der nach 1883 Alleininhaber war, die gesamte Kautschukfabrikation in Hamburg – Veddel einrichtete.[10] Später wurde der Name der „Gummi-Kamm-Companie“ in die „New-York-Hamburger Gummi-Waren-Companie“ umgeändert.

  1. Phoenix

Ebenfalls 1856, gründeten die Pariser Brüder Albert und Louis Cohen aus Hamburg, eine Gummischuhfabrik. Die Firma begann mit einer Belegschaft von 260 Mitarbeitern die Produktion aufzunehmen. Nach den Gummischuhen folgten technische Gummiprodukte und die Fertigung von Fahrrad- und Autoreifen. Aus der kleinen Firma, wurde die Harburger Gummiwarenfabrik „Phoenix“ mit Weltruf und der bekannten Autoreifenmarke „Firestone- Phoenix“.[11]

  1. Soziale Lage der Arbeiter
  2. Bürgerrechte und Einwohnerzahlen

Harburgs Stadtwerdung im 19. Jahrhundert profitierte vom Aufbau der kommunalen Selbstverwaltung. Das Harburger Ortstatut wurde im November 1852 in Kraft gesetzt. Dieses brachte, nachdem infolge des Gerichtsverfassungsgesetztes von 1850 die Justiz von der Verwaltung getrennt worden war, eine neue Magistratsverfassung. Sie gab den Bürgervorstehern beachtlichen Einfluss in der Magistratswahl und beließ Bürgermeister und Syndikus, sowie den Kämmerer, lebenslang im Amt. Seit ebenfalls 1852 hatte jeder Einwohner die Möglichkeit, das Bürgerrecht in Harburg zu erwerben. „Magistrat und Bürgervorsteher konnten jedoch, durch Regulierung der Aufnahmegebühren allgemein und durch den Zulassungsentscheid für Bürger und minder wertvolles Einwohnerrecht im Einzelfall- eingrenzend wirken.“[12] Damit wurden einige Niederlassungswünsche, zum Schutz angeblich bereits überlasteter Berufsgruppen, oder um den unwillkommenen Zufluss potentieller Armuts- oder Unruheelemente fernzuhalten, abgelehnt. Die Einwohnerzahlen Harburgs stiegen trotzdem kontinuierlich an.

1848 lebten 5255 Menschen in Harburg, 1858 waren es schon 10744 und 1861 war die Einwohnerzahl auf rund 12000 Bewohner angestiegen.[13] Wieder zehn Jahre später, 1871, lebten in Harburg 16500 Menschen und 1889 schon rund 30000 Leute. Zur Jahrhundertwende 1900 war die Bevölkerungszahl auf 49150 angestiegen.[14] In 52 Jahren hat sich die Bevölkerung Harburgs also verzehnfacht.

  1. Wohnen

Die Zahl der Häuser in Harburg wuchs nicht mit der Zahl der Bevölkerung an. Die Zahlen der Menschen, die in einem Haus zusammenwohnten, stieg dafür umso mehr an. 1848 gab es durchschnittlich 8,5 Bewohner pro Haus, 1858 waren es schon 12,2 Menschen, die zusammenlebten.[15] Diese Steigerung war wesentlich auf die Vergrößerung der Haushalte, durch die Aufnahme lediger Arbeiter zurückzuführen. Außerdem nahm die Zahl der Kinder stark zu. Die zweite starke Verbreiterung des Wohnungsbedarfs trat am Anfang der 80er Jahre in Erscheinung. In dem Zeitraum von 1880 bis 1890 entstanden insgesamt 17 neue Fabriken in Harburg, was den Bedarf an Arbeitskräften und damit an Wohnraum erklärt.

Viele Arbeiter zogen aus den ländlichen Gebieten nach Harburg, ohne dass genügend Wohnraum zur Verfügung stand. Sie lebten häufig in dunklen, feuchten und schlecht belüfteten Kellerräumen. „Wie aus Magistratsakten hervorgeht, wohnten noch 1898 in 379 Kellerwohnungen 1520 Personen, also mehr als 3% der Gesamtbevölkerung.“[16] Ledige Arbeiter, ohne eigenen Hausstand, mussten in großer Enge wohnen und sich auswärts verpflegen, wofür sie überhöhte Preise zahlen mussten.

„Das Harburger Stadtparlament tat 1892 die Arbeiterwohnfrage mit dem Hinweis eines Bürgervorstehers ab, daß er noch zwei Kellerwohnungen frei hätte. Solange die nicht besetzt seien, könne nicht von Wohnungsbedarf gesprochen werden.“[17] 1897 gab es ca. 80 Obdachlose in Harburg, die notdürftig in Schulgebäuden untergebracht wurden. Anstöße, um die Situation zu verbessern, kamen von außen. So sah das Regierungspräsidium Lüneburg, nach Besichtigung von Arbeiterwohnungen, die Lage als bedenklich an.[18] Aber der Magistrat handelte zögerlich. Vermieter von durch Schließung bedrohten Kellerwohnungen und licht- und luftlosen Räumen wollten „nicht begreifen (…), daß der Vorteil, den sie (…) in Folge der industriellen Entwicklung der letzten Jahre gehabt haben, kein dauernder bleiben soll.“[19] Die Wohnungslage blieb unverändert schlecht bis ins 20. Jahrhundert hinein.

„1901 wollten preußische Minister in den Industriebezirken herrschende Mißstände im Wohnungswesen der minderbemittelten Klassen aus gesundheitlichen, sozialem und sittlichem Interesse beseitigen. Auf Anfrage antwortete der Harburger Magistrat, daß Mißstände teilweise beobachtet worden seien, es aber keinen Mangel an kleinen, gesunden Wohnungen gäbe.“[20] Bei den Wohnhäusern herrschte in Harburg der Typ der Häuser mit 6 bis 8 Wohnungen vor. Die Mehrheit der Bewohner besaß ein heizbares Zimmer, Küche und Kammer. Die Nähe Hamburgs hatte Einfluss auf die Mietpreise in Harburg. Ende des 19. Jahrhunderts kostete ein Raum mit Küche 151 Mark und zwei Räume mit Küche schon 225 Mark pro Jahr. Ledige zahlten durchschnittlich 200 Mark für eine Wohnung pro Jahr, Verheiratet gaben 250 Mark aus.[21]

  1. Arbeiten und Löhne

Der Bedarf an Arbeitskräften in Harburg war groß. Allerdings wurden zu Anfang der Industrialisierung hauptsächlich ungelernte Arbeitskräfte gesucht, da es auf die Masse und Billigkeit der Arbeiter ankam. Harburg nahm zum Teil überschüssige Landbevölkerung auf und bei Bedarf griff die Industrie auf Tagelöhner zurück, die bei schlechter Konjunktur sofort wieder entlassen werden konnten. Die Zahl, der in der Industrie beschäftigten Personen, betrug 1861 1627 Personen. Darunter befanden sich 1221 Arbeiter und 256 Arbeiterinnen. Die Lehrlinge und Gehilfen sind hier nicht mitgezählt.[22] Von den 1627 Arbeitern, befanden sich alleine 795 in der Harburger Gummiwarenindustrie.[23] Bödecker beschreibt die Lohnverhältnisse wie folgend: „Hinsichtlich der Arbeitszeit- und Lohnverhältnisse ist aus der Frühzeit der Industrialisierung des Ortes nichts überliefert, doch lassen die geringen Aufwendungen für Zwecke der Armenpflege (und) gesunde Wohnverhältnisse (…) auf eine relativ günstige Gestaltung wenigstens der Lohnverhältnisse in der Periode des lebhaften Geschäftsganges der Industrie nach 1854 schließen.“[24] Durch den Aufschwung Anfang der 70er Jahre stiegen, infolge der starken Nachfrage nach Arbeitskräften, auch in Harburg die Löhne, zugleich wurde die Arbeitszeit verkürzt. „Gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts waren die Löhne in Harburg hoch, aber auch der Lebensunterhalt teuer.“[25]

Der Tagelohn lag für erwachsene Männer, ab ca. 1884 bis 1892, bei 2,40 Mark, bei Frauen betrug der Lohn gerade mal 1,50 Mark pro Tag.[26] Die Arbeitszeit betrug am Anfang der Industrialisierung, mit Einschluss der Pausen, durchschnittlich 12 Stunden pro Tag. 1900 arbeiteten 600 Männer und 600 Frauen in der „Phoenix.“ Die Arbeitszeit betrug 10 ¼ Stunden pro Tag und Männer sowie Frauen verdienten 2,40 Mark. In der „Gummi-Kamm-Companie“ von Heinrich Traun arbeiteten 600 Männer und nur 12 Frauen. Die Arbeitszeit betrug hier nur 9 Stunden pro Tag und der Lohn lag für Männer bei 3,00 Mark pro Tag, was mehr als in der „Phoenix“ war. Frauen verdienten aber weniger, nur 2,00 Mark pro Tag. Dafür waren die Sozialleistungen in der „Gummi-Kamm-Companie“ für diese Zeit besonders gut.

Die Sozialgesetzgebung des Reichstages begann 1883 mit der Krankenversicherung. Darauf folgten 1884 die Unfallversicherung und 1889 die Invaliditäts- und Altersversicherung. Im Vergleich dazu, gehörten in dem Betrieb von H.C. Meyer und Traun bereits 1875 die Pensions-, Witwen- und Krankenkassen zu den Wohlfahrsteinrichtungen der Firma.

In der Ölfabrik von Thörl arbeiteten 1900 nur 284 Männer, keine Frauen. Sie verdienten, bei einem Arbeitstag von 8 bis 10 Stunden einen Lohn von 3,30 Mark pro Tag. In der „Stock-Fabrik“ H.C. Meyer sah es ähnlich aus. Dort arbeiteten 453 Männer 9 Stunden für einen Lohn von 3,50 Mark pro Tag. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Arbeitsbedingungen, lange Arbeitszeit und wenig Lohn, in der „Phoenix“ besonders schlecht waren. Besser ging es den Arbeitern in den Firmen von Traun und Meyer. Trotzdem waren die Löhne zu gering, was sich an den Lebenshaltungskosten feststellen lässt.

Die Kosten für Luxuslebensmittel in Harburg, betrugen 1873 für „ein Pfund gute Butter 12-13 Groschen, Schmalz 6 Groschen, Hammelkeule 5 Groschen, Hamburger Syrup 3 Groschen.“[27] Diese Lebensmittel konnte sich ein normaler Arbeiter so gut wie nie leisten.[28]

Für den im dauernden Abhängigkeitsverhältnis lebenden Industriearbeiter, gab es kaum einen Weg zur Selbständigkeit. Allerdings entwickelte sich innerhalb der Arbeiterschaft selbst eine Art Hierarchie. Die sich in gehobener Stellung befindenden Arbeiter bildeten einen Teil des neuen Mittelstandes am Ende des 19. Jahrhunderts. Die Industrie veranlasste die Bildung einer breiten sozialen Unterschicht und brauchte gleichzeitig ein vermittelndes Glied zwischen jener und der Führungsgruppe. Es entstand ein Beamtentum in der Abhängigkeit der Industrie.[29] Um 1900 kam es zur Ausdehnung dieser industriellen Mittelschicht, dem Beamtentum, einem Teil des Handwerks und dem Kleinhandel. Das Einkommen dieser Schicht lag über 3000 Mark im Jahr. Im Vergleich dazu lagen die hohen Löhne, im Jahr 1894 in Harburg, bei 30500 bis 100000 Mark. Es gab 1894 25 Personen die so viel Geld in Harburg verdienten.[30]

  1. Leben am Existenzminimum

„Gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts waren die Löhne in Harburg hoch, aber auch der Lebensunterhalt teuer“,[31] so beschreibt Bödecker die soziale Lage der Arbeiter in Harburg.

Meiner Meinung nach lässt sich feststellen, dass durchschnittliche Arbeiterfamilien in Harburg, gegen Ende des 19 Jahrhunderts, an ihrem Existenzminimum lebten. Durchschnittlich verdiente ein Arbeiter 2, 50 Mark pro Tag. Das sind 60 Mark im Monat. Für ein Zimmer und Küche, musste er 151 Mark im Jahr also 12,60 Mark im Monat bezahlen. Mit Abzug der monatlichen Miete bleiben ihm noch 47,40 monatlich zum Leben. Das sind nur 1,58 Mark pro Tag. Im Vergleich dazu kostet ein Pfund Butter schon 1,30 Mark. Für ein Pfund Butter geht also fast der ganze Tageslohn auf einmal weg. Damit steht fest, dass die Armut in den Arbeiterfamilien in Harburg sehr groß war.

Die Armut schuf solche Probleme in Harburg, dass freiwillige Beiträge zur Armenkasse nicht ausreichten und 1860 das Armensteuerstatut von 1856 mit der Abgabepflicht in Kraft gesetzt werden mussten, [32] so beschreibt auch Ellermeyer die Lage in Harburg.

Zur Wohnlage kann meiner Meinung nach gesagt werden, dass sie ebenfalls besonders schlecht war. Bödecker beurteilt die Lage zum Teil anders.

[33](…) doch lassen die geringen Aufwendungen für Zwecke der Armenpflege (und) gesunde Wohnverhältnisse (…) auf eine relativ günstige Gestaltung wenigstens der Lohnverhältnisse in der Periode des lebhaften Geschäftsganges der Industrie nach 1854 schließen.“ Ich denke nicht, dass von einer gesunden Wohnlage gesprochen werden kann, da viele Menschen in Kellerwohnungen lebten.[34] Die geringe Aufwendung für die Armenpflege, lässt sich meiner Meinung nach durch ein geringes Interesse an der Armenpflege erklären. Arbeitskräfte sollten vor allem billig und in Massen vorhanden sein.

Abschließend lässt sich sagen, dass in der Industrialisierung Firmen entstanden sind, die bis heute von großer Bedeutung sind. Die New-York-Hamburger Gummi-Waren-Companie ist immer noch für die Produktion von Kämmen für den Weltmarkt zuständig. Also war und ist Harburg als Wirtschaftstandort bedeutend.

 

Literaturverzeichnis

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Werth-Mühl, Martina: Unterwegs im alten Harburg. Ein Spaziergang in die Vergangenheit von Hamburgs größtem Stadtteil, Hamburg 1988.

 

[1] Der Neue Ruf. Die Zeitung zum Wochenende im Großraum Harburg. 27. Woche. 52. Jahrgang. Sonnabend, 7. Juni 2001, S.1.

[2] Otto Bödecker: Die Industrialisierung der Stadt Harburg. In: Heimann, Eduard (u.a.): Hamburger Schriften zur Wirtschafts- und Sozialpolitik, Rostock 1927.

[3]Jürgen Ellermeyer; Klaus Richter; Dirk Stegmann: Harburg. Von der Burg zur Industriestadt. Beiträge zur Geschichte Harburgs 1288-1938, Hamburg 1988.

[4] Rudolf Michaelis; Günter Wittke: Ein Jahrhundert Industrie- und Hafenbezirk Harburg- Wilhelmsburg, Uetersen 1956. S.15-17

[5] Rudolf Michaelis; Günter Wittke: Ein Jahrhundert Industrie- und Hafenbezirk Harburg- Wilhelmsburg, Uetersen 1956. S.19f.

[6] Ebenda, S.20.

[7] Otto Bödecker: Die Industrialisierung der Stadt Harburg, S.77-91.

[8] Michaelis, Rudolf; Wittke, Günter: Ein Jahrhundert Industrie- und Hafenbezirk Harburg- Wilhelmsburg, Uetersen 1956. S.76-80.

[9] Ebenda, S.80-94.

[10] Otto Bödecker: Die Industrialisierung der Stadt Harburg, S.69.

[11] Friedrich, Otto, A.: Ein Werk im Spiegel der Weltwirtschaft. Phoenix Gummiwerke AG 1856-1956,Freiburg 1956. S.8-11.

[12]Jürgen Ellermeyer in: Jürgen Ellermeyer; Klaus Richter; Dirk Stegmann: Harburg. Von der Burg zur Industriestadt. Beiträge zur Geschichte Harburgs 1288-1938, Hamburg 1988. S.170.

[13] Klaus Richter in: Jürgen Ellermeyer; Klaus Richter; Dirk Stegmann: Harburg. Von der Burg zur Industriestadt, S.144.

[14] Jürgen Ellermeyer in: Jürgen Ellermeyer; Klaus Richter; Dirk Stegmann: Harburg. Von der Burg zur Industriestadt, S.186

[15] Ebenda, S.170.

[16] Otto Bödecker: Die Industrialisierung der Stadt Harburg, S.287. Nach: Kommunales Jahrbuch für 1904, S.160.

[17] Uwe Schubert; Jürgen Ehlers; Harburg im Wandel in alten und neuen Bildern, Hamburg 1991. S.92.

[18]Jürgen Ellermeyer in: Jürgen Ellermeyer; Klaus Richter; Dirk Stegmann: Harburg. Von der Burg zur Industriestadt, S.184.

[19] Jürgen Ellermeyer in: Jürgen Ellermeyer; Klaus Richter; Dirk Stegmann: Harburg. Von der Burg zur Industriestadt, S.184. Nach: Hamburger Zeitungsartikel zu Harburger

Wohnverhältnissen, 8. Januar 1898. Pedition der Harburger Bürgervereine Harburger Anzeigen und Nachrichten 10.5.1899.

[20] Uwe Schubert; Jürgen Ehlers; Harburg im Wandel in alten und neuen Bildern, Hamburg 1991. S.92.

[21] Otto Bödecker: Die Industrialisierung der Stadt Harburg, S.293. Nach: Statistik des Deutschen Reiches, Band 287, 2; Band 287, 1, S,7; S.9.

[22] Otto Bödecker: Die Industrialisierung der Stadt Harburg, S.225.

[23]Jürgen Ellermeyer in: Jürgen Ellermeyer; Klaus Richter; Dirk Stegmann: Harburg. Von der Burg zur Industriestadt, S.145.

[24] Otto Bödecker: Die Industrialisierung der Stadt Harburg, S.262f.

[25] Ebenda S.264.

[26] Ebenda, S.235.

Anm.: Im allgemeinen ist anzunehmen, dass zum ortsüblichen Tagelohn die am niedrigsten entlohnten Arbeiter beschäftigt waren.

[27]Truels, Max: Geschriebene Harburgensien. Berichte aus dem alten Harburg: Von Bürgermeistern, Land und Leuten. 9.Folge, Harburg 1986. S.79. Haburger Anzeigen und Nachrichten, Dezember 1873.

[28] Leider habe ich keine Angaben, zu Preisen für Standardlebensmittel.

[29] Otto Bödecker: Die Industrialisierung der Stadt Harburg, S. 235.

[30]Ebenda, S. 236.

[31] Ebenda, S.264f.

[32] Jürgen Ellermeyer in: Jürgen Ellermeyer; Klaus Richter; Dirk Stegmann: Harburg. Von der Burg zur Industriestadt, S.170.

[33] Otto Bödecker: Die Industrialisierung der Stadt Harburg, S.262f.

[34] siehe S.6f.